Falsche Versprechen, wahre Lügen
Golden Rice und Funcional Food
1999, nach fast zehn Jahren der Forschung mit großen Summen aus öffentlichen Förderungen, stellten die Wissenschaftler Dr. Ingo Potrykus vom Schweizer Institut für Technologie und Dr. Peter Beyer von der Universität Freiburg ihren „Golden Rice“ vor. Für den „Golden Rice“ existierten damals bereits über 70 Patente verschiedener Unternehmen, die im amerikanischen Service for Acquisition of Agri-Biotech Applications (ISAAA) zusammengefasst sind. Kurze Zeit später unterzeichneten beide Wissenschaftler einen Vertrag mit der Firma Astra-Zeneca (heute Syngenta). Der Vertrag sichert der Firma weltweit alle Handelsrechte zu. Im Gegenzug wurde nationalen und internationalen Forschungsinstituten die nicht-kommerzielle Nutzung zugesichert. Auch sollen Bauern, deren Jahreseinkommen unter 10.000$ liegt, den Gen-Reis ohne Lizenzkosten nutzen können.
Der Handel mit AstraZeneca beendete eine lange Zeit der öffentlich finanzierten Forschung, deren Ergebnisse nun von industriellen Unternehmen genutzt wird. Sie manifestiert darüber hinaus die Abhängigkeit der Entwicklungsländer von wenigen Wirtschaftsunternehmen. Die Weiterentwicklung der Sorten und auch der Aufbau einer wirtschaftlich unabhängigen Landwirtschaft in den Entwicklungsländern werden durch das Lizenzrecht unmöglich gemacht. Neben Syngenta ist Monsanto eines der großen Unternehmen, das von den scheinbaren Erfolgen des „Golden Rice“ profitieren will.
Der genmanipulierte Reis hatte eine weltweite Diskussion in den Medien entfacht. Der „Golden Rice“ dient der Gentechnikindustrie als Beweis, wie sehr sie sich für die Bekämpfung der Armut und des Hungers in Ländern der Dritten Welt einsetzt. Sie hat zudem erkannt, dass es mit Hilfe des „Golden Rice“ gelingen könnte, Akzeptanz für gentechnisch veränderte Pflanzen in der Öffentlichkeit zu erreichen.
Welchen Nutzen aber hat der „Golden Rice“ tatsächlich für die Bevölkerung? Ist er wirklich in der Lage, das Problem der Mangelernährung zu lösen? Einigkeit besteht darüber, dass eine Versorgung mit Vitamin A über den „Golden Rice“ nicht möglich ist. Eine erwachsene Frau müsste 3,75 kg ungekochten Reis bzw. ca. 9kg gekochten Reis pro Tag essen, um ihren Tagesbedarf zu decken. Bei einer realistischen Tagesration von 300 Gramm Gen-Reis kann der Tagesbedarf einer erwachsenen Frau nicht einmal zu 10 Prozent gedeckt werden.
Das im Gen-Reis enthaltene Provitamin A ist für den Menschen zunächst nicht direkt nutzbar. Erst durch die Verdauung zusammen mit Fetten kann das notwendige Vitamin A gebildet werden. Besonders in Regionen mit schlechter Nahrungsversorgung und Vitamin-A-Mangel stehen die notwendigen Fette nicht in ausreichendem Maße zur Verfügung. Um eine Versorgung mit allen notwendigen Nährstoffen zu sichern, muss eine vielfältige Ernährung gegeben sein. Viele Projekte haben inzwischen gezeigt, dass durch eine alternative Landbewirtschaftung mit lokalen Sorten eine ausgewogene Ernährung der Bevölkerung sichergestellt werden kann.
Neben den zahlreichen falschen Versprechen über den Nutzen des „Golden Rice“, sind die möglichen Gefahren bis heute nicht ausreichend erforscht. So bleibt unklar, ob Risiken einer Überdosierung definitiv ausgeschlossen werden können. Nicht geklärt ist auch, ob der „Golden Rice“ allergieauslösend sein kann. So ist die Pflanze Daffodil, aus dem die Gene für das Beta-Carotin stammen, für allergische Reaktionen verantwortlich.
Seit der Vorstellung des „Golden Rice“ 1999 sind weitere fünf Jahre vergangen, ohne dass absehbar wäre, wann praxistaugliche Ergebnisse vorliegen. Bis heute ist völlig unklar, wann und in welcher Weise die Menschen in den Ländern der Dritten Welt vom Vitamin-A-Reis profitieren sollen.
Nach jetzigem Kenntnisstand könnte der „Golden Rice“ frühestens in 4-5 Jahren zum Anbau in den Entwicklungsländern zur Verfügung stehen.


