Gentechnik als Retterin in der Klimanot?
Dürre und Hitze im April und im kalendarischen Sommer ertrinken die Äcker. Bauern beklagen eine um neun Prozent geringere Getreideernte - im Vergleich zum ebenfalls schlechten Erntejahr 2006. Die Zeitungen titeln, dass Milch, Butter und Brot teurer werden. Sind die ersten Folgen des Klimawandels auch in Deutschland angekommen?
Was bedeutet das für unsere Ernährung in Deutschland und weltweit? "Wir brauchen neue Sorten von Nutzpflanzen, die an Trockenheit oder Nässe angepasst sind", fordert Verbraucherminister Horst Seehofer. Gemeint sind gentechnisch veränderte Pflanzen. "Das ist genauso schwachsinnig wie die Atomenergie oder die CO2-Verpressung unter der Erde als Lösung für die Energiegewinnung zu sehen. Den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben, hat noch nie funktioniert", kommentiert Alexander Hissting, Gentechnikexperte bei Greenpeace.
Neue Risiken und alte Versprechen
Im Gegenteil, man würde ein weiteres unkalkulierbares Problem in die Welt setzen. Ausreichende Langzeitforschungen zur Gentechnik gibt es nicht. Sicher ist allerdings, dass Gen-Pflanzen sich nicht kontrollieren lassen. Einmal auf Felder freigesetzt, sind sie nicht mehr rückholbar. Sie breiten sich unkontrollierbar aus: In Kanada ist es mittlerweile unmöglich, gentechnikfreien Raps anzubauen. Und erinnert sei an den Reisskandal im Jahr 2006. In Deutschland wurden in us-amerikanischen Reispackungen aus Supermärkten illegale, gentechnisch veränderte Körner gefunden.
Selbst wenn man die Risiken außen vor lassen würde, die Gentechnik eignet sich nicht einmal zur Symptombekämpfung. Denn Heilsversprechungen, wie den Welthunger zu bekämpfen, gab's schon viele. Probleme gelöst hat die Gentechnikindustrie hingegen noch nie. Dafür ist die Liste der Pleiten, Pech und Pannen groß: Stängel platzen auf, weil die Soja-Pflanzen unerwartet keine Hitze vertrugen. Bauern versprühen massiv Pestizide, um Superunkräuter zu bekämpfen. Ernteerträge sind geringer als bei konventionellen Pflanzen. Und der Vitamin-A-Gehalt im Gen-Reis "Golden Rice" reicht nicht aus, um Kinder mit Mangelernährung in den Ländern des Südens vor Erblindung zu schützen. Und, und, und.
Genmais in den Tank
Bereits heute wachsen Mais, Raps und Palmöl auf Feldern, um in Heizkraftwerken oder als Sprit im Tank zu landen. Die Gentechnikindustrie weiß auch hier den Klimawandel zu nutzen und propagiert den Anbau von Gen-Pflanzen. Befürworter argumentieren zudem, die Gen-Pflanze sei ja nicht für den Verzehr bestimmt, gesundheitliche Bedenken würden also nicht zählen. Doch aus eben genannten Gründen lehnt Greenpeace den Einsatz von Gen-Pflanzen auch für die Rohstoffgewinnung ab.
Bienen unterscheiden nicht zwischen Raps, der auf unserem Teller und Raps der im Autotank landen soll. Sie fliegen über Ackergrenzen hinweg und übertragen Gen-Pollen auf herkömmliche Pflanzen. Und Wind bläst über Gen-Feldern nicht weniger stark. Ein großflächiger Anbau von Gen-Pflanzen für die Energiegewinnung wäre das Ende der gentechnikfreien Landwirtschaft.
Davon abgesehen macht die Energiegewinnung aus pflanzlichen Rohstoffen nur Sinn, wenn wir effizienter mit Energie umgehen: 12-Liter-Autos würden uns den Mais vom Teller fressen. Schon jetzt entsteht eine Konkurrenz auf dem Acker zwischen Rohstoff- und Nahrungsmittelanbau. Im übrigen ein Grund für die Preiserhöhungen bei Lebensmitteln.
Wir brauchen zukunftsfähige Lösungen
Wie also soll man den wachsenden Anforderungen durch den Klimawandel in der Landwirtschaft begegnen? "Wir müssen die Landwirtschaft gar nicht neu erfinden", erklärt Hissting. "Biologische Vielfalt heißt das einfache Konzept, um mit einem sich ändernden Klima zurecht zu kommen. Bäuerinnen und Bauern haben über Jahrtausende eine riesige Fülle an Pflanzensorten gezüchtet, kultiviert und weiterentwickelt. Diese Vielfalt an genetischen Ressourcen ist die Wiege neuer Züchtungen - je größer die Vielfalt, desto leichter ist es, geeignete Pflanzen für neue Umweltbedingungen zu züchten."
Gentechnik bedroht genau diese überlebensnotwendige Biologische Vielfalt: Monokulturen verdrängen den Anbau verschiedener Sorten. Genmanipulierte Pflanzen gefährden traditionelle Sorten durch Auskreuzung. Und Patente auf Pflanzen verbieten die Weiterzüchtung durch die Bäuerinnen und Bauern.
Eine nachhaltige oder ökologische Landwirtschaft reichert den Boden mit Humus an, damit die Pflanzen gesund gedeihen. Humus bindet sehr viel Kohlenstoff. Der Ökolandbau trägt damit entscheidend zum Klimaschutz bei. Die industrialisierte Landwirtschaft - ob mit oder ohne Gentechnik - setzt dagegen auf Kunstdünger und Pestizide, die mit hohem Energieaufwand und großer Klimaschädigung produziert werden.
Wie eine nachhaltige Landwirtschaft unter argen klimatischen Bedingungen mit regionalen Sorten funktioniert, zeigen Beispiele aus den Ländern des Südens.
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